Wort zum Sonntag


Das Loch im Weihnachtsbaum

Liebe Leserinnen und Leser,
morgen ist der zweite Sonntag im Advent, in der Zeit der Erwartung. Weihnachten rückt immer näher und die Vorfreude auf ein schönes Fest wächst. Die Vorbereitungen nehmen immer mehr sichtbare Gestalt an. Da hängen selbstgebastelte Sterne in den Fenstern, es duftet nach Weihnachtsplätzen, grüne Tannenzweige trotzen dem Wintergrau und das Licht von Kerzen und Lichterketten vertreibt die Dunkelheit.

Pfarrerin Dorothea Goudefroy
Pfarrerin Dorothea Goudefroy

Advent ist eine Zeit der freudigen Erwartung, wir sind „guter Hoffnung“, dass der Heiland der Welt geboren wird. Was aber ist mit den Menschen, die die Freude und gute Hoffnung nicht teilen können? Sie fühlen sich oft allein und unverstanden zwischen all den fröhlich Hoffnungsvollen. Da sind welche, die krank geworden sind und sich wehmütig an die Leichtigkeit früherer Jahre erinnern. Da sind welche, die einen lieben Menschen verloren haben und sich nun gar nicht vorstellen können, Weihnachten zu feiern. Und da sind solche, deren gute Hoffnung auf ein Kind mit einer Fehlgeburt endete.

Wo ist ihr Ort in der Zeit der guten Hoffnung? Oder anders gefragt: Wo findet die Trauer über das, was nicht mehr ist, ihren Ort im Advent?

Ich habe im Ohr, was Dietrich Bonhoeffer von einer solchen Adventszeit erzählte. Sein Bruder war im Krieg gefallen und die Familie vermisste ihn sehr. Die Zeit der Lichter und frohen Erwartung wollte so gar nicht zu ihrer Trauer passen. Als schließlich der Weihnachtsbaum aufgestellt wurde und alles so heil aussah, obwohl es das doch nicht war, schnitt die Familie einen großen Zweig aus dem Baum. Gemeinsam brachten sie ihn auf den Friedhof und legten ihn auf das Grab des toten Bruders. Zuhause feierten sie Weihnachten – mit einem Loch im Weihnachtsbaum. Dieses Loch war nicht schön, es war so wenig schön wie der Tod des Bruders. Und gerade darum war es richtig. Die Trauer hatte ihren Ort in der Zeit der guten Hoffnung gefunden.

Ich wünschte, wir hätten alle den Mut, der Trauer diesen Ort zu geben und das miteinander auszuhalten. Das ist nicht schön und es ist nicht leicht. Aber ich glaube, dass die Hoffnung dann ihren Ort mitten in der Trauer finden kann. Morgen feiern wir einen ökumenischen Gottesdienst zum Gedenken an verstorbene Kinder. Wir feiern ihn ganz bewusst im Advent. In dieser Zeit der guten Hoffnung trauern wir mit denen, die guter Hoffnung waren und ihr Kind verloren.

Es braucht Mut, diese Lücke auszuhalten. Es braucht Mut, hinzuschauen und der Trauer ihren Raum zu lassen. Aber dann kann rund um die Lücke wirklich Weihnachten werden. Dann kann auch die Freude ihren Raum finden und die Hoffnung, dass der Friede in unsere Herzen einzieht, den das kleine Kind von Bethlehem bringt. 

Viel Mut und gute Hoffnung wünscht Ihnen
Dorothea Goudefroy, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Menden


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