Wort zum Sonntag


Christsein ist das Recht, ein anderer werden zu dürfen

Liebe Leserinnen und Leser,
in den großen Kirchen hat mit dem 1. Sonntag nach Trinitatis die lange, sogenannte „festlose Zeit" begonnen, die bis zum 23. Sonntag nach Trinitatis reicht. Landauf landab ist aber jetzt die Zeit der großen und kleinen Feste. Bei uns auf Platte Heide war am vergangenen Sonntag Schützenfest. Die Königin und ihr Hofstaat (und viele Andere) besuchten den Gottesdienst bei uns. Die Fahnenträger standen, nicht weit von ihr weg, ca. 60 Minuten unbewegt auf ihren Füßen und rührten sich nicht.


Pfarrer Bernd Lorsbach
Pfarrer Bernd Lorsbach
Ich könnte nicht eine Stunde stehen, ganz ehrlich. Als ich sie mitfühlend aufforderte, sich doch zu setzen wie die anderen auch, lehnten sie freundlich, aber bestimmt ab. Dann kam mir ein weiterer Gedanke: Im Schützenverein haben Fahnenträger wahrscheinlich traditionell bei der Ausführung ihrer Aufgabe zu stehen. Daran ändert sich auch nichts durch die freundliche Einladung meinerseits, sich doch zu setzen. Ein Fahnenträger ist eben ein Fahnenträger.

Meine Gedanken gingen noch weiter: Ich will so bleiben wie ich bin. Das ist nicht nur ein bekannter Werbeslogan; das ist auch die Lebenshaltung nicht weniger Menschen. Ich kann mir vorstellen, dass das ganz gut und ganz gesund ist, so zu denken. Aber eben nicht immer. Manchmal darf doch nicht alles bleiben wie es ist!

Fragen Sie einmal nach dem reichen Zöllner Zachäus, um den es am kommenden Sonntag im evangelischen Gottesdienst geht, ob der so bleiben wollte, wie er ist. Fragen Sie auch die Schriftgelehrten, die das nicht glauben können, was da vor ihren Augen mit Zachäus geschehen ist: Dass einer ein anderer wird. Wahrscheinlich hätte Zachäus nach seinen Erlebnissen einen Satz von dem Schriftsteller Peter Handtke sofort unterschrieben: Christsein ist das Recht ein anderer werden zu dürfen. Und das Leben, das Leben wurde ein Fest.

Bernd Lorsbach
Evangelischer Pfarrer auf Platte Heide


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