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Wort zum Sonntag am 5.11.2011

Pfarrerin Dorothea Goudefroy
Pfarrerin Dorothea Goudefroy

Nur noch wenige Tage bis zum 9. November, dem Gedenktag der Reichspogromnacht. Im Alten Ratssaal werden sich Bürgerinnen und Bürger Mendens auf Einladung der Stadt versammeln, um an die jüdischen Mitbürger zu erinnern, die während der Nazidiktatur ums Leben kamen. Wir erinnern ihre Namen und ihr Schicksal und erinnern uns zugleich auch schmerzlich daran, dass Christen bei der Ermordung so vieler Menschen mitgeholfen oder weggeschaut haben.

Den Weg dahin haben unter anderem Theologen bereitet, die "das Jüdische" aus Bibel und Theologie verbannen wollten. Das Alte Testament, das das Heilige Buch des Judentums ist, sollte am besten gleich abgeschafft werden. Die Texte des Neuen Testaments wurden mit einer anti-jüdischen Brille gelesen. Dabei zeugen sie von einer tiefen Verbundenheit mit dem Judentum und den Schriften des Alten Testaments. Immer wieder werden Psalmen und Verheißungen zitiert. Jesus selber war zeitlebens Jude und wollte auch gar nichts anderes sein.

Der Apostel Paulus, selber gebürtiger Jude und bekennender Christusanhänger, hat lange darum gerungen, wie Judentum und Christentum zueinander stehen. Löst das Christentum das Judentum ab, gleichsam als Überbietung oder Erfüllung? Kann nur das eine oder das andere wahr sein? Schließlich findet Paulus ein Bild, um das Verhältnis der beiden Religionen zueinander zu beschreiben.

Das Judentum ist wie ein alter Ölbaum, schreibt Paulus im 11. Kapitel des Römerbriefs. Fest verwurzelt im Glauben an Gott. Der alte Ölbaum treibt Zweige: schöne und wirre. Die wirren, wilden werden abgebrochen. Dafür werden andere, die früher wirr und wild waren, eingepfropft. Das sind im Bild des Paulus die Nichtjuden, die zum Glauben an Gott finden.

Dass sie nun am Ölbaum wachsen, ist aber kein Grund zur Überheblichkeit, mahnt Paulus. Denn auch den neuen Zweigen muss klar sein, dass sie ihre Kraft aus der alten Wurzel beziehen! Sie tragen nicht die Wurzel, sondern die Wurzel trägt sie. Wo also christliche Theologen versucht haben, die Bibel und das Christentum von allem "Jüdischen" zu reinigen, da haben sie die Axt an ihre eigene Wurzel gelegt. Sie haben sich selbst von den Wurzeln abgeschnitten, die dem christlichen Glauben Halt und Kraft geben.

Der 9. November als Gedenktag der Reichspogromnacht muss uns Mahnung sein, dass das nie mehr geschieht. Er sollte uns erinnern, dass alte und neue Zweige am Ölbaum Gottes dort nur wachsen, weil er es will. Uns steht ganz gewiss kein Urteil darüber zu.

Gemeinsam stehen aber Juden und Christen unter der Verheißung, dass, wer nach Gottes Weg fragt, wie ein Baum ist, "gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht." So besingt es das erste Lied im Buch der Psalmen im Alten Testament.

Ein gesegnetes Wochenende wünscht Ihnen
Pfarrerin Dorothea Goudefroy, Evangelische Kirchengemeinde Menden


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