Wort zum Sonntag



In Demut achte einer den andern höher als sich selbst

Die Christen haben jene mitreißende politische Wirklichkeit, wie sie z. B. in der Apostelgeschichte aufleuchtet, heutzutage verloren. Sie sind angepasst, leben nach gesellschaftlich vorgegeben Modellen, in hierarchischer Ordnung, ohne Schwung und Elan, ohne Perspektive und prägende Kraft. Religion und geistliches Leben werden zur Privatsache erklärt.

Pfarrer Hans D. Daubner
Pfarrer Hans D. Daubner
Dennoch gibt es ein reges Fragen und Suchen nach Spiritualität, nach den Werten und Vorstellungen, die Kirchen und Christen zu eigen sind. Was gilt es heute zu sagen im Sinne von Gnade und Barmherzigkeit und damit im Sinne der Nächstenliebe?

Im Neuen Testament, im Philipperbrief, schreibt der Apostel Paulus: „In Demut achte einer den andern höher als sich selbst“ (Phil.2,3). Eine Tugend also, die heute fast ganz abhanden gekommen ist. In den Ohren der ersten Christen klang das ein wenig anders. Demut meinte „Niedrig- Gesinntheit“ und war hierarchiekritisch. Der stolze Helene baute auf Macht, Klugheit und Stärke und weniger auf Niedrigkeit. Die Demut aber galt auch den Oberen. Sie äussert sich in der Übernahme der Perspektive des Andern. Nicht die Konzentration auf den eigenen Nutzen, sondern „auf das, was dem andern dient“ fordert Paulus. Wie das zu erreichen ist? Durch Sehen, Einlassen und Reagieren.   

Von Yoko Ono, der Frau von John Lennon, wird berichtet, dass sie in der Mitte einer Postkarte ein 5mm kleines Loch herausgestanzt hatte, mit dem Kommentar: „ A hole to see the sky through“  - ein Loch, durch das man den Himmel sehen kann. Den Himmel entdecken im Antlitz eines Menschen, in den Sternen am nächtlichen Himmel, in der Farbentracht des herbstlichen Waldes. Zum Sehen kommt das Einlassen: „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldenen Überfluß der Welt“ (Gottfried Keller). Sich Einlassen auf die Schönheiten von Welt und Menschen. In Kirchen und Museen gehen, Galerien und Bilder anschauen, Bücher lesen. Aus dem Sehen und Einlassen kann das Reagieren erfolgen: „In Demut achte einer den andern höher als sich selbst.“     

Demut  als Sinnesrichtung , die vom Niedrigen ausgeht. Paulus orientiert sich hier am Kreuz Christi. Die Evangelisten,  Markus etwa, führen das am Beispiel der kleinen Kinder an. Niedrige sind sie in ganz wörtlichem Sinn. Jeder der mit Kindern in der Sandkiste sitzt oder auf einem der kleinen Stühlchen im Kindergarten, weiß, dass die Welt von dort anders aussieht. Dazu passt, dass kleine Kinder die einzige Personengruppe sind, denen Jesus eine besondere Nähe zum Reich Gottes zugesteht. „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn i h n en gehört das Reich Gottes.“ (Mk. 10,14). Kinder sind es, die unseren Sinn auf das Niedrige und dem entsprechend auf das Reich Gottes richten. Von ihnen können wir lernen, was Demut bedeutet. „In Demut achte einer den andern höher als sich selbst“.

In diesem Sinne   wünscht einen schönen Sonntag und grüßt Sie recht herzlich

Ihr Hans D. Daubner
Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Menden


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