Wort zum Sonntag


Pusteblume

Vielleicht kommen Sie ja gerade auch aus dem Urlaub und haben es dort oder anderswo erlebt: auf einer hohen Bergkuppe, am Strand oder auf dem Deich bläst Ihnen der Wind ins Gesicht. Das kann eine kühle Brise im Sommer sein, erfrischend, erquickend und Ellen Gradtke, Berufsschulpfarrerin
Ellen Gradtke, Berufsschulpfarrerin
wohltuend, oder aber etwas heftiger, sodass man denkt, man würde gleich umgeblasen und muss sich regelrecht dagegen stemmen. Wenn man eine Weile dort stehen bleibt und dem Wind trotzt, hat man das Gefühlt, richtig durchgeweht zu werden.

In unserer Bibel gibt es einen berühmten Vers über den Wind:
"Der Wind weht, wo er will und du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt."
(Johannes 3,8)


Warum hat Jesus wohl das Bild vom Wind für Gottes Geist verwendet? Im Hebräischen ist von der "Ruach" die Rede, was übersetzt wird mit "Wind", "Sturm", "Hauch"" Atem" oder "Geist". Wenn vom Geist Gottes die Rede ist, müssen wir also durchaus mal mit Wind oder Sturm rechnen. Jesus hätte ja auch sagen können: Gottes Geist ist wie ein tiefer ruhiger See, der alles Land bedeckt. Oder: Gottes Geist ist wie ein Feuer, das alles niederbrennt. Oder: Gottes Geist ist wie Brot, das alle satt macht.

Aber nein, Gottes Geist ist wie der Wind, denn es gibt nichts Dynamischeres als Wind! Mal ein leises Säuseln und dann wieder "voll Power". So, wie ein Windrad nie gleich läuft, sondern immer der Dynamik des Windes ausgesetzt ist, ist auch Gottes Geist voller Dynamik. Vielleicht passt dieses Bild so gut, weil Gott immer überraschend anders ist und oft alle Grenzen überspringt. Jesus wählte gerade die "kleinen Leute" aus, bis dahin unbedeutende Fischer, und machte sie zu seinen Jüngern Gottes Geist weht eben, wo er will!

Das führte schon damals zu Konflikten. Die frommen Schriftgelehrten konnten diese Souveränität Gottes nicht ertragen. Das passte nicht in ihr Weltbild, dass der Wind weht wo er will. Denn es heißt es nicht: welche besonders eifrig sind in religiösen Dingen, die sind Gottes Kinder. Und auch nicht: welche die Gesellschaft etabliert, die sind Gottes Kinder, sondern eben welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Wir sollten also damit rechnen, dass Gottes Geist an völlig überraschenden Plätzen auftaucht und völlig überraschend Menschen "anweht". Das ist wie mit einer Pusteblume: der Wind weht sie an und ihre Samen verstreuen sich in alle Himmelsrichtungen und bleiben an unterschiedlichsten Orten hängen.

So sprengt auch Gottes Geist alle Grenzen und unsere Normen sind nicht für ihn bindend. Und gerade das macht unser Christsein so spannend. Denn Gott kann plötzlich in Menschen wirken, die wir gar nicht im Blick hatten, weil sie vielleicht nicht der "Norm" entsprechen, weil sie unserer Ansicht nach zu arm sind oder zu unbeliebt, zu jung oder zu unchristlich. Der heilige Geist wirkt in uns allen, aber in jedem Menschenleben auf andere Weise und deshalb müssen wir aufmerksam und hellhörig für diesen göttlichen Aufwind in unserem Leben bleiben, denn vielleicht ist es ja nur ein leises Rauschen oder eine sanfte Sommerbrise?

Ellen Gradtke, Berufsschulpfarrerin



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