Wort zum Sonntag


Reformationfest 2010 - Es geht um den Menschen

Es gibt wenige rein evangelische Feiertage. Einer davon ist der Reformationstag. Da er diesmal auf einen Sonntag fällt, soll sein Festtagscharakter besonders hervorgehoben werden, denn mehr und mehr hat dieser Tag an Bedeutung verloren, nicht zuletzt durch Halloween am Vorabend des Refomationstages, sowie durch die zahlreichre werdenden verkaufsoffenen Sonntage.

Schloßkirche zu Wittenberg
Schloßkirche zu Wittenberg
Der Reformationstag – 31.Oktober – erinnert an den Thesenanschlag Martin Luthers an die Türe der Schloßkirche zu Wittenberg am 31. Oktober 1517. Der Reformator wollte damit keine Spaltung der damaligen Kirche hervorrufen. Er wollte sie vielmehr zurückführen zu ihren Wurzeln. Aus der Beschäftigung mit der Bibel heraus, ging es um nicht nur um einen Disput, sondern um die Erneuerung der Kirche. Was daraus geworden ist, ist bekannt: die evangelische Kirche in ihrer Vielfalt und Manigfaltigkeit.

Was macht diesen Tag so wichtig? Wodurch wirkt die Reformation auch heute noch weiter?

Der Thesenanschlag macht öffentlich und setzt in Bewegung, wozu Martin Luther schon vorher gefunden hatte, nämlich seine sog. "reformatorische Erkenntnis" auf Grund von Römer 3,28: "So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben". Luther geht es um den Menschen, um seine Gerechtigkeit, um sein Bestehen vor Gott. Es sind existenzielle Fragen, die ihn bewegen. Sie sind zwar bedingt durch die Umstände des 16. Jahrhunderts, gehen aber über das irdische Leben hinaus. Sie führen zur Rechtfertigungslehre, dem Kernstück des Protestantismus: Der Mensch braucht seine Rechtfertigung nicht zu erzwingen. Sie wird ihm geschenkt, d.h. Gottes Gerechtigkeit wird erweitert und verändert, zu der Gerechtigkeit, die Gott schenkt. Adressat ist und bleibt der Mensch, beschenkt mit Freiheit.
Martin Luther
Martin Luther
© Jens Teichmann - Fotolia.com

Was kann das für uns heute bedeuten? Wie gehen wir damit um?

Die Fragen sind heute andere als damals zur Zeit der Reformation. Es geht weniger um die Frage des Bestehens vor Gott, auch weniger um die Überwindung der Sündhaftigkeit und Verdammnis, es ist vielmehr alles auf die Diesseitigkeit ausgerichtet. In einer Gesellschaft von Individualisten wird gefragt, was bringt mich weiter, im Beruf, im menschlichen Miteinander, in Wirtschaft und Politik. Wo und wie erfahre ich Orientierung und Ausrichtung? Was verleit meinem Leben Sinn? Wie kann es hier und jetzt gelingen?

Dementsprechend wird auch die Frage nach der Freiheit relativiert. Während Paulus und Luther noch über eine Freiheit "von" und eine Freiheit "zu" nachdachten, sagt die heutige Hirnforschung, dass es eine solche Freiheit des Willens gar nicht gibt. Andere wiederum aus der gleichen Branche sprechen von einem "God Spot", einem Gottesflecken, als Zentrum der Religiosität. Und die römisch-katholische Kirche beklagt mit der Stimme ihres höchsten Vertreters die "Diktatur des Relativismus" und meint damit die Selbstverknechtung des Menschen in einem Zwangssystem, das keineswegs als Forschritt zur individuellen Freiheit dient. Auch ist zu bedenken, dass in einer modernen Demokratie, in der der Bürger nur dem Rechtsgehorsam verpflichtet ist, auch Grundwerte, zu denen ja die Freiheit zählt, nicht unangetastet bleiben.

Pfarrer Hans Dietmar Daubner
Pfarrer Hans D. Daubner
Hier nun könnte Rechtfertigung greifbar und verstehbar werden: Als Ermutigung zur "Selbstbejahung" (H.M.Barth) angesichts der Konfrontation und Abwertung durch Andere, d.h. als Befreiung von der Last, sich ständig legitimieren zu müssen. Es geht um den Menschen; um seine Freiheit, eine Freiheit nun, die wir uns nicht selbst erkämpfen müssen, um eine Freiheit, die uns geschenkt wird. Aus einer solchen Freiheit erwächst dann nicht nur Toleranz, sondern auch ein rechter Umgang mit anderen Menschen und ein gutes Miteinander zwischen Konfessionen und Religionen . Über all das wollen wir uns Gedanken machen im Vorfeld des diesjährigen Reformationsfestes, aber auch im Zusammenhang mit der von der EKD geplanten Lutherdekade und vor allem in unseren Gottesdiensten am 31. Oktober 2010, um 9:30 Uhr im Paul-Gerhardt-Haus und im Ludwig –Steil-Haus, um 10:00 Uhr in der Erlöserkirche und um 11:00 Uhr in der Heilig-Geist- Kirche.
Menden, 22.Oktober 2010
Pfr. Hans D.Daubner


Link-Pfeil Aktuelles aus unserer Gemeinde
Link-Pfeil Archiv 2012 Geistliches Wort
Link-Pfeil Archiv 2011 Geistliches Wort
Link-Pfeil Archiv 2010 Geistliches Wort